Steinmannli
Ende November durfte ich einige Tage im sonnigen Tessin verbringen. Als ich oberhalb von Ascona im Wald spazierte, begegneten mir auf einer Anhöhe mehrere kleine aus flachen Steinen aufgeschichtete Türmchen. Ich mag diese Gebilde, die sich etwa neben Wanderwegen, auf Gipfeln und Pässen und an weiteren Orten in den Bergen entdecken lassen. In der Schweiz nennt man sie liebevoll «Steinmannli».
Beim Betrachten dieser kleinen Werke habe ich mich gefragt: Warum machen Menschen das eigentlich? Es gibt schon Steinmannli, die einen Zweck erfüllen, die in unwegsamem felsigen Gelände den Weg markieren und auch bei schlechter Witterung noch zu sehen sind. Doch es finden sich unzählige Steinmannli, die keinen offensichtlichen Nutzen erkennen lassen, so wie die auf dem waldigen Hügel über Ascona.
Könnte der Ordnungssinn die Leute dazu bewegen, wahllos herumliegende Steine einzusammeln und mehr oder weniger der Grösse nach aufzuschichten? Wahrscheinlicher scheint mir, dass Menschen an Orten, an denen sie waren, gerne ein Zeichen ihrer Anwesenheit hinterlassen, etwas, das von anderen wahrgenommen wird und das sie selbst wieder besuchen können. Vielleicht steckt auch einfach unser Spieltrieb dahinter. Was immer es sein mag, aus diesem Phänomen hat sich eine ganze Kunstrichtung entwickelt: die «Land Art». Zu ihren herausragenden Vertretern gehört der Künstler Andy Goldsworthy.
Die Steinmannli stellen mir Fragen: Was möchtest du in deinem Leben auf dieser Welt hinterlassen? Ist es etwas, an dem du selbst und andere Menschen Freude haben können? Woher kommt all die Achtlosigkeit, durch die die Schöpfung ausgebeutet und verschandelt wird? Jeder Mensch spielt eine Rolle, jede Handlung leistet einen Beitrag – in die eine oder in die andere Richtung.
