Stillstand

Am Wochenende hat mir ein Freund erklärt, dass das englische Wort für Sonnwende «solstice» so viel wie «Stillstand der Sonne» bedeutet. Sie hört am Sonnwendtag natürlich nicht auf, über den Himmel zu ziehen. Aber die Position der Sonne verändert sich das Jahr hindurch, wenn ich sie z.B. um die Mittagszeit vom selben Ort aus betrachte: Sie beschreibt die Linie einer abgeflachten Acht, die von den Astronomen «Analemma» genannt wird. An den Wendepunkten oben im Sommer und unten im Winter ist die Veränderung so gering, dass die Sonne für ein paar Tage quasi stillzustehen scheint.

Analemma
Bild von Giuseppe Donatiello auf wikimedia.commons.org

Stillstand kennen wir aus verschiedenen Situationen und empfinden ihn in den meisten Fällen als unangenehm und störend. Es entstehen Gefühle wie Ungeduld, Frustration oder Enttäuschung, wenn es nicht voran geht, wenn die Veränderungen und Entwicklungen ausbleiben, die wir uns wünschen. Der Stau auf der Strasse oder die Schlange an der Kasse sind noch harmlose Beispiele. Existentiell wird es da, wo es beruflich stockt, wo die Beziehung in der Sackgasse steckt, wo Ziel und Ausrichtung des Lebens aus dem Blickfeld geraten.

Mich ermutigt das Beispiel der Sonne, wenn ich mich in solche Krisenmomente hineindenke. Wo nichts weiterzugehen scheint, heisst es genauer hinzuschauen. Die Wendung bahnt sich im Stillstand bereits an und zeigt sich durch ganz feine Zeichen. Manchmal sieht die Wende anders aus, als ich sie mir vorgestellt oder gewünscht habe. Solange ich mich sträube, trage ich bloss zur Blockade bei. Sehe ich den Stillstand als Durchgangsphase, kann ich wieder entspannen, kann fixe Vorstellungen loslassen und vertrauensvoll Schritte in eine neue Richtung wagen, die ich nicht vollständig unter Kontrolle haben muss. Letztere kann ich getrost Gott überlassen.