Tage zählen
Sobald Kinder etwas mit Zahlen anfangen können, beginnen sie, die Tage bis zu einem freudigen Ereignis zu zählen, sei es der Besuch der lieben Grosseltern, der eigene Geburtstag und natürlich Weihnachten. Das erlebte auch der Sozialpädagoge Johann Hinrich Wichern, der 1833 in Hamburg ein Heim für verarmte und verwaiste Knaben gegründet hatte. Im Advent liess er in der Kapelle ein Wagenrad mit vielen Kerzen aufhängen: vier grosse weisse für die Adventssonntage und kleine rote für die Tage dazwischen. Mit dem täglichen Anzünden einer Kerze half Wichern den Buben, die Tage bis Weihnachten zu zählen, und er begründete damit zugleich die Tradition des Adventskranzes und indirekt auch den Brauch des Adventskalenders.
Um Tage zählen zu können, muss das Datum des Ereignisses bekannt sein. Ebenso müssen wir darauf vertrauen können, dass das Ereignis auch eintrifft. Bei jährlich wiederkehrenden Festen macht das keine Schwierigkeiten; sie kommen so gewiss wie das Amen in der Kirche. Das Warten auf diese Feste kann im Laufe des Lebens zur Routine werden, dem versucht man etwa mit immer ausgefalleneren Formen von Adventskalendern zu entgehen.
Daneben gibt es grössere und umfassendere Ereignisse, die wir sehnlichst erwarten, deren Zeitpunkt des Eintreffens wir aber nicht kennen: Wann werden die Waffen endlich schweigen in der Ukraine, im Nahen Osten und an all den Orten, an denen Interessen noch mit Gewalt durchgesetzt werden? Wann wird die Menschheit einen gerechten Umgang mit den Gütern gefunden haben, damit alle in Würde leben können? Wann wird Gottes Reich unter uns Wirklichkeit werden? Statt uns von der Ungewissheit aufreiben oder entmutigen zu lassen, können wir vertrauensvoll aktiv werden und die Tage zählen, an denen ein Schritt in die Richtung des Ersehnten gelungen ist.
