Tauziehen
Kennen Sie das: Ein Problem zieht sich durch ihr Leben. Immer wieder taucht es auf. Es kostet Sie unglaublich viel Energie. Es beeinträchtig Ihr Leben so stark, dass Sie manchmal gar keine Freude mehr empfinden.
Das ist, als ob Sie mit einem Monster Tau ziehen, und Sie klammern sich an Ihrem Ende fest, rammen Ihre Füsse in den Boden, wenden Ihre ganz Kraft auf – und doch werden Sie Zentimeter um Zentimeter in die andere Richtung gezogen.

In einer Weiterbildung, die ich besucht habe, nutzte der Dozent diese Metapher und fragte: Warum eigentlich lassen wir das Tau nicht einfach los? Mit einem Mal würde alles leicht, und wir könnten uns wieder anderem zuwenden.
Damit erklärte er uns, dass solche Kämpfe meist nur in unseren Köpfen stattfinden, aber ausserhalb unserer selbst keine Relevanz haben. Es handelt sich um innere Monster – um Teile von uns selbst – die meist von ungelösten Konflikten aus unserer Lebensgeschichte herrühren. Es liegt nur an uns, sie zu beenden.
In jungen Jahren hatte ich einen Freund, der sich manchmal sehr seltsam verhielt, abweisend sein konnte, nicht zugänglich war. Mir war klar, dass es ihm nicht gut ging, aber ich verstand nicht, was mit ihm los war.
Jahre später traf ich ihn wieder. Er war kaum wiederzuerkennen, strahlte Selbstbewusstsein und Lebensfreude aus. Er erzählte mir, dass er sich schon immer als schwul wahrgenommen hatte. Aber aufgrund seiner strengen christlichen Erziehung hatte er diesen Teil seiner Person abgelehnt und bekämpft.
Irgendwann jedoch gelang es ihm, sich selbst zu akzeptieren und sich von seinem Elternhaus zu emanzipieren. Endlich erlaubte er sich, als schwuler Mann zu leben. Er hatte das Tauziehen mit dem Monster beendet und sich dem Leben zugewandt.
«Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Steht also fest und lasst euch nicht wieder in das Joch der Knechtschaft einspannen» schreibt Paulus im Galaterbrief.
Also: Wählen wir die Freiheit und geben die alten Kämpfe mit Scheinmonstern auf!
Foto: Khanh Hoang Minh 2, pexels