Tellenbach

Ich bin in den 60er- und 70er-Jahren am Rande Berns aufgewachsen. Auf dem Schulhof erzählten wir uns Witze vom Dällebach Kari. Ich wusste, dass es sich um einen verstorbenen Berner Coiffeur handelte, der mit einer Hasenscharte zur Welt gekommen war. Deshalb sah er hässlich aus, und seine Stimme klang komisch. Darum war Dällebach Kari früher von allen verspottet worden. Um nicht Opfer zu bleiben, hatte der Mann die Strategie entwickelt, selbst Witze zu erzählen und anderen Streiche zu spielen. «Wenn sie schon über mich lachen, dann steuere ich, weshalb – und nicht sie“, lautete sein Lebensmotto. Allerdings schwang bei den Dällebach-Witzen, die wir uns erzählten, auch immer eine Tragik mit. Denn wir hatten gehört, Kari habe sich in die Aare gestürzt, weil seine grosse Liebe ihn verlassen und einen anderen geheiratet hatte.

Kürzlich habe ich über ihn recherchiert. Ich erfuhr, dass es den «Dällebach Kari» eigentlich gar nie gab, denn der Mann hiess Karl Tellenbach. Und ich staunte nicht schlecht, dass er bereits 1931 verstorben war. Über 30 Jahre hatten sich seine Witze und Anekdoten erhalten und wurden weitererzählt!

Welche Spuren hinterlassen wir im Leben? Und bei wem? Wie viele Menschen werden 30 Jahre nach meinem Tod noch über mich reden?

Und: Hätte man über Dällebach Kari auch noch gesprochen, wenn er kein solch tragisches Leben gehabt hätte? Braucht es manchmal Schicksalsschläge und Hindernisse, damit jemand zu einer markanten Persönlichkeit wird, die bleibenden Eindruck hinterlässt?

Neben den grossen öffentlichen Gestalten aus Politik und Medien gibt es immer auch die Held:innen des Alltags, die uns damit berühren, wie sie mit den Widrigkeiten in ihrem  Leben umgehen. So wie Karl Tellenbach.

Abb: Karl Tellenbach, Gedenktafel an der Neuengasse 4, Bern, Ausschnitt