Triefen
«Gott, als du auszogst vor deinem Volk, als du einherschrittest durch die Wüste, da bebte die Erde, die Himmel troffen vor Gott, dem vom Sinai, vor Gott, dem Gott Israels.» (Psalm 68, Verse 8 + 9)
Was für eine wagemutige Sprache: «Die Himmel troffen vor Gott»!
Diese Psalmenverse beziehen sich auf den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten unter der Führung von Moses. Es geht um die Befreiung aus einer Existenz als zweitklassige Menschen. Die Israeliten waren so etwas wie Zwangsarbeitende für die ägyptische Herrscherklasse.
In der Glaubenstradition des Volks wurden die Flucht aus der Unterdrückung und der Zug durch die Wüste Sinai nach Palästina, wo Israel sich niederliess und in Freiheit leben konnte, als Tat Gottes gedeutet. Gott führte das Volk an!
Diese Befreiung wird hier als etwas Grosses, kaum mehr Erwartetes und vorher nicht Dagewesenes gefeiert.
Wer den Fall der Berliner Mauer 1989 erlebt hat, oder 1990 die Freilassung des Schwarzen Anführers Nelson Mandela in Südafrika nach 27 Jahren Gefängnis, oder die Wahl Barack Obamas zum ersten Schwarzen Präsidenten der USA 2008, der / die kann in etwa nachvollziehen, wie sich solche Befreiung anfühlt.
Es sind üppige, von Intensität prall gefüllte Momente. Natürlich bebt die Erde nicht, und es trieft auch nichts vom Himmel herab. Aber in den Menschen drinnen bebt es: Vor Staunen und ungläubiger Freude. Ihre Seelen sind angefüllt mit Gott.
Es gibt diese Erfahrungen, dass das Leben so dicht wird und so jenseits aller gewohnter Kategorien gerät, dass ein glaubender Mensch nur noch sagen kann:
Die Himmel triefen von Gott!
Was für ein Glück, wenn man solches erlebt. (mb)
Abb: Der Fall der Berliner Mauer, 1989, Ausschnitt einer Dokumentationswand am Brandenburger Tor, Berlin. Quelle: Wikimedia Commons
