Ubi Caritas
«Ubi caritas et amor, Deus ibi est» – «Wo die Güte und die Liebe sind, da ist Gott». Wer zumindest hin und wieder einen Gottesdienst besucht, dem und der werden auch die lateinischen Worte geläufig sein, und vermutlich kommt auch gleich die Melodie dazu in den Sinn. In dieser Form ist es das wohl bekannteste der mehrstimmigen Lieder aus der 1942 gegründeten ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, welche jährlich von Tausenden von Jugendlichen besucht wird. Der Text ist bedeutend älter und bereits in einer Handschrift des Klosters St. Gallen aus dem 8. Jahrhundert zu finden. Traditionsgemäss wurde er in der Liturgie von Gründonnerstag zur rituellen Fusswaschung gesungen.
«Wo die Güte und die Liebe sind, da ist Gott». Das ist eine deutliche Aussage. Nicht ausschliesslich in Tempeln und Kirchen sollte man die Gegenwart Gottes erwarten, sondern überall dort, wo Menschen in wohlwollender und unterstützender Weise miteinander umgehen, wo sie einander mit Wert und Würde behandeln. Und wenn unsere Kirchen wirklich Orte Gottes sein sollen, dann sind umgekehrt alle, die sich zugehörig fühlen, aufgerufen, einen liebevollen Umgang miteinander und mit den Menschen zu pflegen, ganz besonders mit denjenigen, welche unsere Zuwendung nötig haben.
Gott will nicht nur in Häusern aus Stein, sondern in den Herzen der Menschen wohnen. Deshalb kommt es darauf an, welche Gedanken, Geschichten und Emotionen wir in unserem Inneren hegen. Können wir mit unseren weniger erwünschten Gefühlen, unseren Ängsten, unserer Trauer, unserer Wut ebenfalls liebevoll und rücksichtsvoll umgehen, dann ist der Anfang gemacht, dass es Gott bei uns wohl sein kann.
Abb.: Fusswaschung Christi, byzantinische Elfenbeinikone aus dem 10. Jhd. (Ausschnitt). Quelle: Wikimedia Commons.
