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Über Farben stolpern

In über 31 Ländern gibt es die sogenannten «Stolpersteine»: Pflastersteine mit Messingbelag, die vor Hauseingängen an jüdische Menschen erinnern, die einmal dort wohnten und während der Naziherrschaft vertrieben, inhaftiert und meist auch ermordet wurden. Diese Pflastersteine sollen uns aus dem Tritt bringen. Sie sind ein in den Alltag eingefügter Störfaktor, der uns hilft, nicht zu vergessen, dass diese Verbrechen geschahen. An so vielen Orten.

In der Nazizeit wurden aber nicht nur Jüd:innen verfolgt, sondern auch andere Minderheiten, wie z.B. Roma und Sinti, politisch Andersdenkende und Homosexuelle.
So gibt es in München ein eigenes Denkmal für schwule und lesbische Opfer. Allerdings stolpert man hier nicht über einen Stein, sondern über Farben. An einer Strassenecke sind farbige Betonplatten in den Boden eingelassen worden, die die Form eines Winkels bilden. Dies, weil Homosexuelle im Konzentrationslager einen rosa Winkel tragen mussten. Wer über diese Farbplatten „stolpert“, sich fragt, wofür sie wohl stehen, kann eine gehörige Spannung erleben: Die angenehme und frohe Buntheit am Boden – und die Gräueltaten, an die sie erinnert. Welche Diskrepanz!
Aber die ist gerade gut und richtig: Schwule und Lesben stehen hier auch stellvertretend für die grosse Vielfalt an menschlichen Lebensformen. Sie stehen für Farbigkeit und Lebendigkeit. Nicht zufällig ist das Symbol der queeren Bewegung die Regenbogenfahne. Und diese Vielfalt sollte durch das Naziregime ausgelöscht werden.

Der Regenbogen aber ist auch ein biblisches Symbol. Er ist Zeichen des Bundes, den Gott nach der Sintflut mit allem Leben schliesst: Nie wieder soll das Leben auf der Erde vernichtet werden (1. Mosesbuch, Kapitel 9). Gott verspricht dies den Tieren und Menschen, die in der Arche die Sintflut überlebt haben. Ein treffendes Symbol für die Vielfalt: In all unserer Unterschiedlichkeit sitzen wir im selben Boot – um zu leben, nicht zum Sterben! (mb)

Abb: Ulla von Brandenburg, Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Lesben und Schwulen, 2017, München. Foto: Privat