Ungläubiges Staunen

Die Goldene Madonna von Essen ist die älteste erhaltene vollplastische Marienskulptur. Sie wurde um 980 geschaffen und ist heute im Essener Dom zu sehen. In ihr wird Maria auch als Patronin des Ruhrbistums verehrt.

Berührend ist der schlichte, beinahe naive Gesichtsausdruck der Madonna. Erstaunt, fast ungläubig blickt sie auf die goldene Kugel in ihrer Hand. Diese kann als Apfel gedeutet werden. In solcher Betrachtungsweise erinnert die Kugel an die biblische Erzählung vom Paradies: Die erste Frau Eva pflückt unerlaubterweise eine Frucht vom Baum der Erkenntnis. Dadurch kommt die menschliche Schuldhaftigkeit in die Welt, Adam und Eva fallen aus der paradiesischen Existenz. Maria nun ist die Gegengestalt zu Eva: Sie gebiert den Gottessohn Jesus. Durch ihn werden die Menschen vom Verhängnis der Schuld erlöst. Der Apfel, der Unheil brachte, wandelt sich zur goldenen Kugel!

In anderen Worten ausgedrückt: Die Liebe Gottes, die in Jesus von Nazareth greifbar und erlebbar wurde, nimmt die Menschen mit ihren Grenzen und tragischen Verstrickungen bedingungslos an. Sie vergibt die aus solchen Grenzen unentrinnbar  entstehende Schuld. Sie ermöglicht ent – schuldigtes, versöhntes und befreites Leben.

Tatsächlich ist diese Grundbotschaft des christlichen Glaubens etwas Staunenswertes: dass die menschlichen Abgründe, die sich manchmal vor uns auftun, nicht letzte Gültigkeit haben sollen!

Das ungläubige Staunen der Goldenen Madonna ist ein zutiefst menschliches Staunen. (mb)

Abb: Goldene Madonna, um 980, Essener Dom, Deutschland. Foto: Tuxyso, 2025. Wikimedia Commons