Verbindend
Die Verenaschlucht ist ein erstaunlicher Ort, den man vom Bahnhof Solothurn aus zu Fuss in gut einer halben Stunde erreicht. Sie lässt sich ohne Anstrengung erwandern und belohnt gerade an sommerlichen Tagen mit angenehmer Kühle und romantischer Naturnähe. Nach rund zwei Kilometern in der Schlucht trifft man auf die immer noch bewohnte und von Felsen eingerahmte Einsiedelei, die aus einem schmucken Kirchlein, einer Felsenkapelle und einer kleinen Hütte mit Garten besteht.

Neulich habe ich die Verenaschlucht besucht, mich bei der Einsiedelei auf eine Bank gesetzt und die erfrischende Ruhe genossen. Nach einer Weile gesellte sich ein freundlicher Mann mit weissem Bart zu mir und wir kamen ins Gespräch. Es war Michael Daum, der derzeitige Einsiedler, und er erzählte mir von der heiligen Verena und den vielen Gruppen der verschiedensten Konfessionen, die das Jahr hindurch diesen Ort besuchen.
Die heilige Verena stammt aus Afrika und soll im dritten Jahrhundert die thebäische Legion nach Helvetien begleitet haben. Es wird überliefert, dass sie sich in einer Höhle in der Schlucht als Eremitin niedergelassen hat und bei den Zeitgenossen als wundertätig bekannt war. Koptische Christinnen und Christen verehren Verena sehr, und besuchen ihren Wirkungsort regelmässig. Auch katholische, reformierte und viele andere Gruppen suchen diesen Ort für Gebet und Besinnung auf. Die antike Heilige und ihre Geschichte bringen Menschen unterschiedlicher Ausrichtungen an diesen ganz besonderen Ort, und es hat mich in jenem Moment berührt, wieviel Verbindendes solche christlichen Traditionen bereithalten, wenn wir diese Chance wahrnehmen und ergreifen. (jr)