Verborgene Gegenwart
Finster ist es. Man ahnt den Mond nur, dort wo die Wolken ein kleines Stück Nachthimmel freigeben. Auch die weite Landschaft ist in düsteres Graugrün getaucht.
Wie verloren darin ein einziger Mensch. Mutterseelenallein.
Er erscheint in hellem Licht, dessen Quelle verborgen bleibt.
Erstaunlich der Regenbogen, der über der Landschaft mit dem markanten Berg ausgespannt ist. Es handelt sich um einen – in der Natur nur selten auftretenden – Mondregenbogen.
Eine unter verschiedenen Möglichkeiten, das Bild von Caspar David Friedrich mit dem Titel «Gebirgslandschaft mit Regenbogen» zu verstehen, ist die folgende Deutung aus jüdisch-christlicher Perspektive.
In einer bedrohlichen und manchmal dunklen Welt, in der wir uns zuweilen verschwindend klein und einsam fühlen, gibt es Erfahrungen der Zuversicht und Ermutigung:
Der Regenbogen kann als in der biblischen Überlieferung verankertes Zeichen gelesen werden. Er steht für den Bund, den Gott nach der Sintflut mit Noah schliesst und indem er verspricht, nie wieder das Leben auf dieser Welt zu vernichten.
Ebenso kann der Berg symbolisch verstanden werden. In der Bibel ist der Horeb der Berg, an dem Israel Gott begegnet. Er ist Metapher für die verborgene Gegenwart Gottes.
Und auch der Fels, an den der Mensch lehnt, lässt sich religiös deuten: Die Bibel ist voller Bilder, die Gott als Fels beschreiben; also als Verlässlichkeit, Schutz und Stärke.
Und nun macht auch das Licht, in das der Mensch getaucht ist, Sinn. Licht ist ein weiteres gängiges Bild für Gott.
So kann man dieses Werk als religiöses Bildnis verstehen, das völlig auf biblische Figuren oder Heilige aus der kirchlichen Tradition verzichtet, aber voller Hinweise auf eine verborgene Gegenwart Gottes ist. (mb)
Abb: Caspar David Friedrich, Gebirgslandschaft mit Regenbogen, um 1809, Museum Folkwang, Essen, Deutschland. Quelle: Wikimedia Commons
