Vergeben – die Bande lösen
Es gibt eine Bande, die wir nicht sehen. Sie legt sich um das Herz, um die Erinnerung, um das eigene Bild von sich selbst. Das nicht vergeben Können.
Jesus spricht erstaunlich nüchtern darüber. Er sagt nicht: Vergebung ist leicht. Er sagt auch nicht: Vergebung ist ein Gefühl. Er sagt: Lass los. Und er weiss, was es kostet – denn er war selber damit konfrontiert.
Am Kreuz hält Jesus nichts fest. Er vergilt nicht. Er lässt los – und genau darin liegt seine Freiheit.
Wenn Jesus uns zur Vergebung ruft, dann nicht, weil wir moralisch überlegen sein sollen. Sondern weil er weiss, was Unvergebenes mit uns macht. Es bindet uns an das Vergangene. Es hält uns in einer Beziehung gefangen, die vielleicht vorbei ist, aber innerlich weiter wirkt.
Vergeben mit Jesus heisst: Ich trage diese Last nicht allein. Ich stelle sie ihm zur Verfügung, damit er sie wegnehmen kann. Ich höre seine Worte: «Vater, vergib ihnen» (Lk 23,34) und lasse zu, dass sie auch in meinem Leben sein dürfen.
Vergebung beginnt dort, wo ich Jesus meine Unfähigkeit hinhalte: Ich kann das nicht. Ich will das noch nicht. Ich weiss nicht, wie. Gerade dort beginnt er zu wirken. Nicht indem er den Schmerz auslöscht, sondern indem er die Bande löst. Nicht, ohne unseren Willen zu respektieren. Wenn wir nicht vergeben wollen, respektiert er das.
Vergebung in Christus bedeutet: Ich bleibe nicht am Kreuz hängen. Ich gehe mit ihm in die Auferstehung. In eine Freiheit, die nicht aus Vergessen entsteht, sondern aus Liebe. Das Leben wählen, anstatt das Gefangensein in den Banden des nicht vergeben Könnens.
