Vergessen oder verloren
Eine olivgrüne Jacke hängt am Stamm eines Baumes im nahegelegenen Wäldchen. Offenbar hat sie jemand dort vergessen oder verloren. Eine andere Person hat sie gesehen und an einen Zweig dieses Baumes geknüpft, wohl in der Hoffnung, dass der Besitzer oder die Besitzerin erneut vorbeikommt und die Jacke so besser wiederentdeckt. Allem Anschein nach hängt sie schon eine ganze Weile dort; zwischen ihr und dem Zweig hat eine Spinne bereits ein feines Netz gewoben.
Dass ich eine Sache irgendwo liegenlasse, kommt mir hin und wieder vor; ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele Regenschirme mir auf diese Weise schon abhandengekommen sind. Auch mehrere schöne Jacketts habe ich schon im Zug vergessen, und leider sind sie nicht mehr gefunden worden.
Und dann gibt es Momente, in denen ich mich selbst wie verloren oder vergessen fühle, in denen ich vor allem die Schwierigkeiten und Probleme wahrnehme und mich mit ihnen alleine wähne, in denen die Orientierungspunkte sich auflösen und die Ziele aus den Augen geraten, wo ich im Nebel tappe und nicht mehr weiss, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin.
Das Gefühl, vergessen oder verloren zu sein, kann mich lähmen, in Hoffnungslosigkeit stossen und mir das Leben schwer machen. In solchen Zeiten brauche ich einen tieferen Halt und einen anderen Anker. Ich durfte ihn immer wieder im Gottvertrauen finden, wie es im Buch Jesaja ausgedrückt ist: «Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, ohne Erbarmen sein gegenüber ihrem leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergisst: Ich vergesse dich nicht.» (Jesaja 49,15) Wenn ich die Sorgen loslasse und Zuversicht fasse, dass Gott mich sieht, das Ganze in den Händen hält und es zu einem guten Ende führen wird, dann entspanne ich mich wieder und kann besser mit meinen Ungewissheiten leben. (jr)
