Verlernen

Zurzeit erhalte ich eine spezielle Physiotherapie zur Behandlung von Gleichgewichtsstörungen. Sie schenkt mir erstaunliche Einsichten über die Funktionsweise des menschlichen Organismus. Wenn nämlich ein Gleichgewichtsorgan ausfällt, beginnt das Gehirn, den Verlust über die Füsse und besonders über die Augen auszugleichen. Erholt sich mit der Zeit das Gleichgewichtsorgan wieder, bleibt die Dominanz der Augen vielfach erhalten, was in einigen Situationen – etwa in Menschenmengen – zu Ermüdung und erneutem Schwindel führt. In der Schwindel-Physiotherapie übe ich hauptsächlich, die angewöhnte Augendominanz wieder zu verlernen.

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Der Körper und ebenso die Psyche sind Meister der Anpassung. Bei bedrohlichen Problemen finden sie Strategien, um irgendwie damit leben zu können. Einmal gelernte Verhaltensweisen neigen dazu, auch dann bestehen zu bleiben, wenn das Problem sich verändert hat oder gar nicht mehr vorhanden ist. Sie kommen uns in die Quere und schaffen mehr Schwierigkeiten. In unserer unvollkommenen Welt eignen wir uns seit frühster Kindheit Überlebensstrategien an, die im späteren Leben für uns selbst oder für andere schädlich werden können. Früh erlebter Mangel zum Beispiel lässt Menschen auch dann noch an Geiz und Neid festhalten, wenn materiell gar kein Anlass mehr dazu besteht.

«Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an die frohe Botschaft!» Damit begann Jesus laut Markus sein Wirken. Von moralischem Beigeschmack befreit ist Umkehr tatsächlich eine frohe Botschaft: Sie lädt uns nämlich zum Verlernen ein. Früher angeeignete Verhaltensweisen, die heute nicht mehr angemessen sind, die uns einschränken oder anderen Schaden zufügen, brauchen wir nicht automatisch zu wiederholen. Wir können uns ihrer bewusst werden und neue Erfahrungen sammeln, indem wir Alternativen ausprobieren. So vermehrt das Verlernen die innere Freiheit, Verbundenheit und Zufriedenheit.