Vom Meer her

Das Adventslied „Es kommt ein Schiff geladen“ beschreibt die Geburt Jesu im Bild eines Schiffes, das vom Meer herkommend bei uns Menschen vor Anker geht. Das Schiff bringt Jesus als Sohn Gottes. Aus weiter Ferne also, aus einer unbekannten Welt, kommt Gott zu uns: „Das Wort tut Fleisch uns werden, der Sohn ist uns gesandt“ heisst es in dem altertümlichen Deutsch des Liedtextes.

Im Januar 1952 sank das Frachtschiff Flying Enterprise, das in Hamburg Richtung New York ausgelaufen war, am westlichen Ende des Ärmelkanals. Zur Ladung gehörten auch drei geschnitzte Weihnachtskrippen des Bildhauers Fidelis Bentele. Jahre später fand ein Knabe eine dieser Krippen am Strand der dänischen Insel Rømø, knapp 1000 km vom gesunkenen Wrack entfernt. Das Holz war silbergrau verfärbt, Josef hatte seine rechte Hand verloren und der Stern von Bethlehem fehlte auch. Ansonsten war die Krippe unversehrt.

Viel später, im Jahr 2022, wurde durch einen zufälligen Zeitungsfund bekannt, dass ums Jahr 1958 ein Fischer auf der Azoreninsel São Miguel eine zweite der Krippen aus dem Meer gefischt hatte. Sie hatte etwa 1800 km zurückgelegt.

Ich stelle mir vor, wie es gewesen sein könnte, eine 32 cm hohe Krippe aus dem Wasser zu ziehen oder am Strand zu finden: Ein seltsamer Gegenstand, den ich überhaupt nicht erwartet habe, dessen Herkunft rätselhaft ist und den ich staunend betrachte. Und wohl erst auf den zweiten Blick erkenne ich, was es ist: Eine Weihnachtskrippe.

Und ich denke: Ja, genau. In aller lichtvollen Feierlichkeit, die dazu gehört, bleibt das Weihnachtsgeschehen auch etwas wundersam Fremdes und Rätselhaftes: Dass Gott Mensch geworden und in diesem unscheinbaren Kind verborgen sein soll.

Abb: Die Flying Enterprise mit schwerer Schlagseite. Foto: USNS General A.W. Greely, 29.12.1951. Quelle: Wikimedia Commons