Vom Nichtwissen zum Glauben

Die Bibel erzählt von den Zehn Geboten. Mose erhielt die Zehn Gebote in der dunklen Wolke auf dem Berg.

Das zweite Gebot lautet: Du sollst dir kein Gottesbild machen. Ein unbekannter Theologe vor rund 1500 Jahren ging noch weiter: Wir sollen uns Gott nicht einmal vorstellen. Dieser Theologe nannte sich Dionysios Areopagites. Er war überzeugt: Wie Mose sollen wir uns in eine dunkle Wolke des Nichtwissens begeben. Alles, was wir über Gott zu wissen meinen, sollen wir verneinen. Wenn jemand etwa sagt: Gott ist stark, sollen wir dies verneinen: Nein, Gott ist nicht stark. Nein, Gott ist auch nicht schwach. Und so weiter. Wir sollen jeden Begriff, jede Vorstellung von Gott verneinen und so loslassen. So können wir offen werden für Gott. 

Vielleicht haben Sie das schon in der Natur erfahren. Vielleicht jetzt wieder zur Erntezeit, wenn Sie die Kraft der Schöpfung spüren. Wenn Sie auf einem Berg in die klare Weite schauen. Oder wenn Sie einen Sonnenuntergang erleben. Vielleicht erfahren Sie dann: Die Schönheit der Natur ist nur vordergründig. Dahinter muss noch etwas sein. Etwas, das so viel grösser, so viel mehr, so ganz anders ist, als alles, was Sie über die Natur zu wissen meinen. Vielleicht gelangen Sie dann vom Wissen zum Nichtwissen. Und vom Nichtwissen zum Glauben.

Vielleicht haben Sie das auch schon in einer traurigen Situation erfahren. Vielleicht haben Sie einmal lange gebetet für einen Menschen. Dann mussten Sie erfahren: Alles Beten war vergeblich. Vielleicht fragten Sie sich da: Wie konnte Gott das zulassen? Was ist das für ein Gott? Gibt es Gott? Und Ihre einzige Antwort war: Ich weiss es nicht. Dieses Nichtwissen kann erschütternd sein.

Dieses Nichtwissen kann auch befreiend sein. Wenn Du verstehst: Vieles, was Dir wichtig gewesen ist, ist nicht mehr wichtig. Vielleicht erfährst Du dann: Es gibt etwas, das wichtiger ist. Etwas, das Dich in Deiner Trauer trägt und stärkt. Etwas, das Dich für die gemeinsame Zeit mit diesem Menschen dankbar werden lässt. Vielleicht gelangst Du auch dann vom Wissen zum Nichtwissen. Und vom Nichtwissen zum Glauben. (ar)