Von allen Göttern zu Allerheiligen

Das Pantheon in Rom ist durch seine immense Grösse und die klaren geometrischen Formen mit der riesigen Kuppel ein Meisterwerk der Antike. Es wurde im 2. Jahrhundert als römischer Tempel gebaut. In ihm wurden alle bekannten und unbekannten Gottheiten verehrt. Deshalb der Name: Pan («all», «gesamt») und Theos («Gott»).

Im 7. Jahrhundert liess Papst Bonifatius IV. den Bau neu weihen und erklärte ihn zur Kirche der «Maria und aller Märtyrer», also zur Kirche aller Heiligen. Damit holte er auch das damals nur in Byzanz begangene Fest «Allerheiligen» in die Kirche des Westens. Das Fest also, das die katholische Christenheit kommenden Samstag, am 1. November, feiert. An die Stelle der römischen Gottheiten waren die Heiligen der Kirche gerückt.

Diese Entwicklung ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Religionen nie in Reinform isoliert dastehen, sondern immer in bestimmte historische, kulturelle und politische Situationen verwickelt sind. Sie können nebeneinander existieren, sich beeinflussen oder konkurrenzieren, und manchmal ergibt es sich eben, dass die eine durch die andere abgelöst wird.
Oder müsste man eher sagen, die eine überformt die andere, diese ist aber wie als Humus in der neuen noch spürbar?
Natürlich werden die Heiligen nicht als Gottheiten verehrt. Nach katholischem Verständnis sind sie vorbildliche Menschen, die vor Gott für die Glaubenden wie Fürsprecher:innen einstehen. Das ist anders als bei den römischen Gottheiten.
Aber ob dies in der Frömmigkeit vieler Menschen auch so verstanden wird, wenn sie Heilige anrufen? Ich bezweifle es, und vermute vielmehr, dass sich in der Heiligenverehrung Elemente des «alten» Götterglaubens erhalten haben.
So wie im Pantheon auch noch die Spuren des antiken Göttertempels zu erkennen und spüren sind. Den reinen Glauben gibt es eben nur in der Theorie…

Abb: Pantheon, Rom. Foto: Alexander Russy, 2014, flickr