Vorabendfreude
Morgen ist der 1. August, der Nationalfeiertag der Schweiz. Manche Feiern beginnen schon heute. Auf Dorfplätzen werden Festbänke aufgestellt, in Gärten Lampions aufgereiht, auf Balkonen Fähnligirlanden gespannt, Feuer vorbereitet, Grillgut eingekauft. Menschen treffen sich, noch bevor der eigentliche Feiertag überhaupt da ist. Weil Vorfreude ihre eigene Zeit kennt. Der Vorabend des 1. Augusts hat – zumindest in meinem Empfinden – etwas Besonderes. Noch nicht ist Festtag. Und doch ist das Fest bereits spürbar.
Ich mag diese ersten Stunden. Sie tragen noch keine Erwartungen. Noch sind keine Reden gehalten, kein Feuerwerk gestiegen. Alles liegt noch vor uns. Vorfreude lebt von dieser offenen Weite. Sie erinnert daran, dass das Leben nicht nur aus Ankunft besteht, sondern auch aus Erwartung. Nicht nur aus dem Erreichten, sondern auch aus dem, was sich ankündigt.
In der Schweizer Landeshymne heisst es: «Trittst im Morgenrot daher, seh ich dich im Strahlenmeer.» Das Bild spricht von Gott und vom ersten Licht des Tages. Von etwas, das noch im Kommen ist. Die Sonne ist noch nicht hoch am Himmel. Und doch verändert ihr Erscheinen bereits alles.
So ist es doch auch mit der Vorfreude. Etwas Schönes ist noch nicht da, aber seine Nähe ist bereits spürbar. Sie macht das Herz weiter. Sie verbindet Menschen. Sie lässt uns aufeinander zugehen. In diesen Tagen geschieht genau das. Menschen sitzen zusammen, Familien, Nachbarn und Freunde treffen sich. Für einen Moment wird sichtbar, was oft im Alltag verborgen bleibt: Dass wir trotz aller Unterschiede Teil eines grösseren Ganzen sind. Nicht durch dieselben Meinungen. Nicht durch dieselben Lebenswege. Sondern durch die Erfahrung, miteinander unterwegs zu sein.
Und so liegt auf diesem Vorabend etwas Kostbares: die Freude auf das, was kommt. Und auch heute schon gefeiert werden darf. (ve)
