Vorboten
Der Schnee ist kaum von den Wiesen und Feldern verschwunden, schon zeigen sich vereinzelt, manchmal in kleinen Gruppen und oft an unscheinbaren Stellen die ersten blass- oder sonnengelben bzw. zart violetten Blüten der Primeln. Sie trauen sich früh heraus, und das finde ich erstaunlich; in dieser Zeit ist schliesslich noch mit Kälteeinbrüchen zu rechnen. Die Primeln schreckt das offensichtlich nicht ab. Sie blühen als untrügliche Vorboten des Frühlings; ihr Erscheinen weist auf die wärmere, freundlichere und farbigere Zeit hin, die zweifellos kommen wird.
Könnten wir doch auf die Verbesserung der menschlichen Zivilisation genauso vertrauen wie auf das Eintreffen der wärmeren Jahreszeit! Diesbezüglich sieht es zurzeit eher düster aus: zunehmende Ungleichheit und Rücksichtslosigkeit gegen Menschen und Natur, Beschneidung von Rechten und Gewalt als Mittel zum Zweck. Die Hoffnung auf ein humaneres Miteinander gerät ins Wanken, mich erschreckt, wie rasch Barbarei durch die Hintertür wieder Einzug hält. Müssen wir mit einem langen Winter der Unmenschlichkeit rechnen und den Wunsch nach umfassender Gerechtigkeit und Frieden auf das Ende der Tage verschieben?
Trotz alledem sehe ich feine Anzeichen der Hoffnung: Menschen die sich kümmern und friedlich für Mitmenschlichkeit einstehen. Im tiefen Inneren – so glaube ich – hat jeder und jede ein Gespür, was gut und richtig ist, mag es auch verschüttet sein unter Ideologien, schlechten Erfahrungen, Ängsten und mehr. Manchmal sind es aufrüttelnde Ereignisse, die das Gespür wieder freilegen, so dass es einen ergreift und ermutigt aufzustehen. Wie die Primeln den Frühling ankündigen, so sind diese Menschen Vorboten für eine bessere Welt, für ein neues Miteinander – allen Widrigkeiten zum Trotz.
