Waldgrenze

Foto: pexels.com

Es ist Sommerferienzeit und viele von uns zieht es in die Berge. Hoch oben, da wo der Wald aufhört und die hochalpine Welt beginnt, wird es irgendwie stiller. Die Bäume werden kleiner und robuster. Die Schatten lichter. Der Wind bekommt mehr Raum. Hier oben kann die Welt an blauen, heissen Tagen wohltuend abkühlen.

Unterhalb der Waldgrenze ist vieles: Wurzeln, Moos, Wege, Geräusche, Wärme. Darüber beginnt das Offene. Das Ausgesetzte. Das Kühle. Und man sieht weiter.

Die Seele braucht manchmal genau so einen Ort: eine Grenze, an der nicht mehr alles wächst, nicht mehr alles grünt, nicht mehr alles so verdichtet ist. Einen Übergang, wo das Leben spärlicher wird und gerade dadurch möglicherweise klarer.

Ist es nicht so, dass Gott uns manchmal innerlich an eine solche Grenze führt? Dorthin, wo alte Sicherheiten dünn werden wie die Luft in den Bergen. Dorthin, wo das Vertraute zurückbleibt und wir aufgefordert werden, aus unserer Comfort Zone herauszutreten. Wo es sogar darum gehen darf, wieder frei zu atmen.

Kühlung muss nicht Kälte sein. Kühlung ist Gnade für das Überhitzte. Für Gedanken, die zu lange gekreist sind. Für ein Herz, das zu viel getragen hat. Für einen Körper, der wieder spüren darf: Ich muss nicht (aus-)brennen, um lebendig zu sein.

Über der Waldgrenze wächst weniger. Aber das, was wächst, ist resistent. Nah am Boden. Demütig. Und gleichzeitig dem Himmel ausgesetzt.

Dort, wo weniger ist, kann Gottes Gegenwart deutlicher werden. Muss nicht, aber kann. (ve)