Was geht es uns an?

Es begann unscheinbar: Die 16-jährige Mia* (Name geändert) begegnete auf einer Dating-Plattform einem älteren Mann, der ihr Bedürfnis nach Anerkennung mit Komplimenten ausnutzte. Hinter der charmanten Fassade steckte die eiskalte Loverboy-Masche. Aus Schwärmerei wurden schleichend finanzielle und seelische Ausbeutung.

Unter dem Vorwand, Sexarbeit mache sie zur «Geschäftsfrau», beutete Albin* (Name geändert) sie gnadenlos aus. Während ihrer Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit musste sie täglich für Freier bereitstehen; sämtliche Einnahmen kassierte er. Er isolierte Mia völlig und raubte ihr jegliches Selbstvertrauen. Erst nach Jahren der Demütigung, dem Freikauf durch ihr mütterliches Erbe von einer Viertelmillion Franken und dank des Zuspruchs ihrer Halbschwester gelang ihr der Ausweg. Ein Gerichtsurteil gab ihr Würde zurück – doch die seelischen Narben bleiben.

Paulus schreibt im Konrintherbrief: «Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ein Glied daran.» (1. Korinther 12,26-27) Es passt nicht gut zu einer Demokratie mit christlichem Wertekanon, wenn Menschen für die Bedürfnisse anderer leiden müssen.

Bild: Banana2/Google

Mias Geschichte ist kein isoliertes Schicksal. Die christliche Tradition erinnert uns daran, dass wir nicht als isolierte Einzelwesen existieren: Die Würde jedes Menschen ist untrennbar mit unserer eigenen verwoben. Wird ein Mensch entwürdigt oder versklavt, leidet das Gefüge unseres gesamten Zusammenlebens. Moderne Sklaverei und Menschenhandel basieren auf einer Nachfrage mitten in unserer Gesellschaft. Wir dürfen nicht länger wegsehen, wo unser Wohlstand und unsere Bequemlichkeit die Freiheit anderer kosten.

Es darf nicht sein, dass Bedürfnisse nach Pflege, Intimität oder günstigen Konsumgütern auf dem Rücken der Würde anderer befriedigt werden. Wo die Not von Mitmenschen zur Ware wird, verlieren wir alle unsere Menschlichkeit. Hingucken, Zivilcourage zeigen und Nein sagen – das geht uns alle an. Moderne Sklaverei und Menschenhandel sind eine Realität auch in der Schweiz. Wir müssen sie sichtbar machen und nach anderen Wegen suchen. (cw)