Was noch möglich ist

Ich arbeite nicht nur im Bahnhof, sondern auch im Gefängnis als Seelsorgerin. Oft fragen mich die Häftlinge nach einem Rosenkranz, den sie danach um den Hals, am Handgelenk oder in der Hosentasche tragen. Am Anfang meiner Tätigkeit hat mich das sehr überrascht. Warum spielt der Rosenkranz an diesem Ort, wo die «schweren Jungs» eingesperrt sind, eine solch grosse Rolle?

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Nun, für viele Inhaftierte ist er kein blosses religiöses Symbol, sondern ein Stück Halt in einem Leben, das aus den Fugen geraten ist. Der Alltag im Gefängnis ist hart, oft monoton, voller innerer und äusserer Kämpfe. Mancher Häftling wird den Rosenkranz beten, und darin Halt finden, die meisten tragen ihn aber aus Gewohnheit oder als Schmuckstück.

Ich finde es schön, dass diese Gebetskette über die Jahrhunderte hinweg in so vielen verschiedenen Händen gehalten wurde (ob sie nun gute oder schlechte Taten vollbracht haben) und dadurch auch zu einem Symbol der Hoffnung geworden ist. Ganz gleich, ob man ihn jeden Tag betet, oder sich in seiner eigenen Not daran festhält. Der Rosenkranz macht deutlich, dass Gott für alle Menschen da ist und keinem den Rücken zukehrt. Im Buch Jesaja heisst es: «Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.» (Jesaja 42,3)

Es gibt Zeiten im Leben von uns Menschen, in denen man dem geknickten Rohr oder glimmenden Docht gleicht. Sei es aus eigener Schuld oder weil einem etwas Schlimmes zugestossen ist. Gerade da hinein gibt Gott seine Zusage, da zu sein. Gott schreibt niemanden ab, denn er sieht nicht nur, was war, sondern auch, was noch möglich ist.