Weicher Blick

Lungerersee (Camera Obscura Foto: Veronika Ebnöther)

Ich mag Camera Obscura Fotos (es ist schon das zweite Weg-Wort, das ich darüber schreibe). Nicht aus Nostalgie, sondern weil sie eine Art des Sehens zeigen, die meinem Menschenbild entspricht.

Eine Camera Obscura besitzt keine Linse. Das Licht fällt lediglich durch eine kleine Öffnung und zeichnet die Welt auf die gegenüberliegende Fläche bzw. den Film. Dadurch entsteht etwas Besonderes: Fast alles befindet sich gleichzeitig im Fokus. Vordergrund und Hintergrund werden nicht gegeneinander ausgespielt. Nichts wird künstlich hervorgehoben, nichts absichtlich unscharf gemacht. Der Blick behandelt alles gleich.

Das gefällt mir. Es hat etwas Demokratisches. Jeder Gegenstand erhält denselben Respekt. Jeder Mensch dürfte denselben Blick erfahren.

Diese Bilder sind auch nicht hart. Sie besitzen eine feine Weichheit. Physikalisch entsteht sie dadurch, dass das Licht an der kleinen Öffnung leicht gebeugt wird und sich die Lichtstrahlen somit überlagern. Und die relativ langen Belichtungszeiten glätten zudem kleinste Bewegungen. Die Konturen bleiben erkennbar, verlieren aber ihre Schärfe. Das Bild wirkt ruhig und mild.

Sehen wir Menschen uns oft mit zu harten Konturen? Wir schubladisieren, urteilen, grenzen uns oft schnell und ängstlich ab. Wir suchen nach dem einen Detail am anderen Menschen, das scheinbar alles bestimmt. Die Camera Obscura erinnert mich daran, dass Wirklichkeit anders gesehen werden kann: aufmerksam, gleichmässig und mit einer gewissen Weichheit.

So stelle ich mir auch den Blick Gottes vor. Gott sieht den ganzen Menschen. Er bevorzugt nicht die Starken gegenüber den Schwachen, nicht das Gelungene gegenüber dem Zerbrochenen; alles steht in seinem Licht. Gott erkennt alles – und bleibt dennoch voller Güte. (ve)