Weihnachten im Milieu

Weihnachten bringt man normalerweise nicht mit Prostitution zusammen. Aber die Krippe aus den Slums von Manila, die zurzeit im Raum der Stille der Bahnhofkirche zu sehen ist, tut dies. Die Figuren sind aus Zeitungspapier gefaltet worden. Auch aus Papier mit Annoncen aus dem Rotlichtmilieu der Millionenstadt.

In der Tätigkeit als Seelsorger habe ich einen jungen Mann begleitet, der regelmässig Kontakt zu einer Sexarbeiterin hatte. Seine psychische Krankheit und die Medikamente, die er nehmen musste und die ihn stark übergewichtig werden liessen, machten es ihm schwer, eine Freundin zu finden. Er erzählte mir, dass die Kontakte zu der Frau schon lange viel mehr bedeuteten als sexuelle Befriedigung. Oft würden er und sie einfach zusammen etwas trinken und reden. Die Nähe zu diesem Menschen und ihre Zärtlichkeit täten ihm gut, weil er dies sonst kaum erfahre. Er habe die Frau sehr gerne.

Dass Prostitution sehr oft mit Ausbeutung und Zwang einhergeht, steht ausser Frage. Und allzu oft auch mit Gewalt.
Ich glaube jedoch, dass dies nicht alles ist, was sich zum Thema sagen lässt. Die Erfahrung des Mannes erinnert mich daran, dass es im bezahlten Sex immer auch um Begegnung zwischen Menschen geht, aus der mehr entstehen kann als schnelle Lustbefriedigung. Neben der äusseren Berührung kann es auch eine innere geben, kann z.B. Mitgefühl aufkommen oder jemand Trost erfahren. Auch wenn die eine Person die andere dafür bezahlt. Das ist ja bei vielen Dienstleistungen so, z.B. bei Beratungen oder Therapien.

Die Krippenfiguren aus Manila, die unter anderem aus Sexanzeigen gefaltet sind, transportieren damit eine zentrale christliche Botschaft: Wenn Gott in Jesus Mensch wird, dann setzt er sich allen Aspekten der Weltwirklichkeit aus. Dem erbärmlichen Stall mit Ochs und Esel, von dem die Weihnachtstradition erzählt, ebenso wie dem Sexsalon einer Prostituierten. Es gibt keinen Ort auf Erden, der nicht auch Ort Gottes sein könnte, an dem in allem Unrecht nicht auch Menschlichkeit und Liebe möglich sind.

Abb: Philippinische Zeitungspapierkrippe, Ausschnitt, Krippenwelt Stein am Rhein. Foto: Bahnhofkirche