Weit entferntes Nahsein

Leise betritt die Frau den Kirchenraum. Ein romanischer Bau, alt.
Niemand sonst ist da. Es ist still. Sie hört ihre eigenen Schritte.
Sie setzt sich auf eine Bank und blickt umher.

Jetzt erst nimmt sie die Jesusfigur da oben auf dem Querbalken wahr.
„Sieh an, doch ein Mensch“, sagt sie und muss über sich selbst lachen.
Blickt er sie an? Und ist das Staub auf ihm, der so weiss leuchtet?

Sie sieht zu ihm hinauf.
„Einsam“ denkt sie. „Er ist genauso einsam wie wir alle.“

„Auch wenn ich zehn Menschen um Rat frage, die wirklich wichtigen Entscheidungen über mein Leben muss ich allein fällen. Auch wenn der liebste Mensch an meinem Sterbebett sitzt, den letzten Atemzug tue ich allein.
Niemand kann mein Leben für mich leben. Ich lebe es. Nur ich.“

So weit weg ist er in seiner Verlassenheit.
„So weit weg wie ich“, denkt sie.

„Und wenn ich morgen wieder hierherkomme, dann bist du immer noch da?“, fragt sie.
„Ja, klar wirst du da sein. So wie du seit Jahrhunderten da bist. Jeden Tag.“
„Ich werde wiederkommen, irgendwann. Werde mir dein weit entferntes Nahsein holen.“

Sie steht auf und geht.

Abb: Christusfigur, Kirche Notre-Dame, Quimper, Frankreich. Foto: Privat