Wie Franziskus den Glühwürmchen predigte

Per me è un miracolo! Dies der verzauberte Ausruf eines italienischen Freundes beim Anblick eines blitzenden Lichtermeeres von Leuchtwürmchen in einer heissen Julinacht in Todi, einer zauberhaften Kleinstadt in Umbrien, unweit von Assisi, der Wirkungsstätte jenes Heiligen, der der Legende nach nicht nur mit den Tieren sprechen konnte, sondern ihnen auch gepredigt hat.

Eine meiner Lieblingspredigten ist an eben diese lucciole, die Glühwürmchen, und durch die Glühwürmchen hindurch, an uns Zweibeiner gerichtet: «Ihr Wunder der Nacht, liebe Glühwürmchen, Schwerstern und Brüder, mein Herz weitet sich zur Welt, mein Geist erhebt sich zu Gott, wenn ich euch sehe. Wie schön ist dieses Aufblitzen dort und hier und hier und dort, ein Meer von Sternen, die kommen und gehen, lautloses Blitzen und Blinken. Jene, die alles erklären wollen, sagen, ihr wolltet damit doch nur die Liebe und die Aufmerksamkeit des andern Geschlechts gewinnen. Für mich aber seid ihr ein Wunder, das mich in Bann zieht. Darum wollen wir Gott loben und preisen: für die Nacht, die hell wird durch euch; für das Licht, das von euch ausgeht; für das Glück, Stern sein zu können für andere. Ja, stimmt ein mit mir in das Lied, das Gott als Quelle des Lichtes preist. Von ihm seid ihr Abglanz und Spiegel.

Und doch möchte ich euch aufmerksam machen auf eine grosse Ungerechtigkeit in eurer Mitte. Denkt daran, dass uns nur eine kleine Zeitspanne zur Verfügung steht, Dinge zu ändern, die nicht in Ordnung sind. Vom Evangelium habe ich gelernt, dass Christus alle trennenden Unterscheide zwischen Mann und Frau aufgehoben hat. Bei euch aber haben die Brüder Flügel, die Schwerstern aber müssen kriechen. So überlasst auch den Schwestern den Bereich der Luft, lasst auch sie hochkommen und fliegen. Ja leuchtet auch durch die Art, wie ihr als Mann und Frau miteinander umgeht. Leuchtet durch Beziehungen, die geprägt sind von Liebe, Partnerschaft und echter Geschwisterlichkeit.»

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