Wohin mit Hass und Wut?

Wieder mussten die Medien über eine Gewalttat berichten. Vergangenes Wochenende lenkte ein junger Fahrer am Rande des Christopher Street Day in Berlin den Wagen direkt in die Menschen, eine Frau wurde getötet, 29 Personen teils schwer verletzt. Woher kommen all der Hass und die Wut, welche zu solchen Taten führen? Und was löst das Geschehene in uns selbst aus?

Plakat der Initiative «Gemeinsam ge-gen Hass» im Kanton Bern.
Plakat der Initiative «Gemeinsam gegen Hass» im Kanton Bern.

Hass ist ein starkes und tiefsitzendes Gefühl, eine verachtende Ablehnung gegen bestimmte andere Personen oder Gruppen, oft verbunden mit dem Impuls, diese abzuwerten und ihnen zu schaden. Hass entwickelt sich meist über einen längeren Zeitraum, verfestigt sich in Gedanken und Urteilen, wirkt zerstörerisch auf Mitgefühl und Verständnis und hält sich hartnäckig.

Tiefe Kränkungen des Selbstwertgefühls oder herbe Enttäuschungen können Hass verursachen, Ohnmachtsgefühle sich in zerstörerische Wut wandeln und das Gefühl der Benachteiligung Feindseligkeit schüren. Ein Mangel an Sicherheit und Geborgenheit in der Kindheit kann so viel Frustration und Wut aufhäufen, dass sie über andere entladen werden. Hassgefühle können durch Weltanschauungen oder über Generationen hinweg weitergegeben werden.

Gewalttaten aus Hass wie die am letzten Wochenende lösen Trauer, Betroffenheit, Ohnmacht und Wut aus, auch den Ruf nach mehr Sicherheit und drastischen Strafen. Wenn wir nicht achtgeben, bilden sich schnell Pauschalverurteilungen und sogar neuer Hass. Viele Konfliktherde der Welt werden von diesem tödlichen Teufelskreis angetrieben. Um diesen zu durchbrechen, bräuchte es im Kleinen wie im Grossen einen anderen Umgang miteinander. Am Anfang steht das ehrliche Anerkennen, dass wir alle Gefühle wie Wut und Hass in uns tragen und dass wir aneinander schuldig werden. Dann brauchen wir sichere Orte, an denen wir über unsere Gefühle reden können und uns gehört fühlen. Schliesslich wäre eine Kultur der Versöhnung zu pflegen, in der die Würde, der Respekt und ein gerechter Ausgleich für jede Person angestrebt werden. Ich bewundere die Menschen, die trotz aller Widerstände der Überwindung des Hasses ihre Energie schenken. (jr)