Wonnemonat – Würdemonat
Üppige Blütenpracht allerorten, die Bäume in Saft und Kraft, erwachte Lebensgeister, Zeit der Liebe und Romantik, für all das steht der Monat Mai, der heute beginnt und nicht umsonst als Wonnemonat gepriesen wird. Letzteres beruht womöglich auf einer Fehlinterpretation: Im achten Jahrhundert hat Karl der Grosse dem Monat den Namen «Wunnimanot» verliehen, was eigentlich Weidemonat meint, die Zeit, in der das Vieh wieder nach draussen geführt wurde. Ungeachtet dessen gilt der Mai für die meisten Menschen als der wonnevollste Monat des Jahres.
Die Frühlingsfülle ist nicht der Grund für den Feiertag, der in vielen Ländern und in manchen Kantonen der Schweiz heute begangen wird. Der 1. Mai heisst «Tag der Arbeit» und das geht zurück auf Auseinandersetzungen um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen besonders in Nordamerika. Am 1. Mai 1886 wurde in grösseren Städten der USA zum Generalstreik für die Einführung des Acht-Stunden-Tags aufgerufen. In der Folge entwickelte sich daraus eine weltweite Tradition.
Der 1. Mai ist ein staatlicher Feiertag, gleichwohl tun die Kirchen gut daran, ihn sich zu Herzen zu nehmen. Jesu Botschaft von der Gotteskindschaft und dem Reich Gottes beinhaltet Leben in Würde und Fülle für alle Menschen sowie den Einsatz für Frieden in Gerechtigkeit. Von Würde, Selbstbestimmung, Solidarität und Gemeinwohl spricht auch die katholische Soziallehre, und der reformierte Pfarrer und Theologe Leonhard Ragaz predigte 1903 zugunsten der Arbeitenden: «Wenn das offizielle Christentum kalt und verständnislos dem Werden einer neuen Welt zuschauen wollte, die doch aus dem Herzen des Evangeliums hervorgegangen ist, dann wäre das Salz der Erde faul geworden!» Unsere Zeit braucht das kräftige Salz der Erde nötiger den je. (jr)
