Wovon träumte Jesus?
Über den Alltag des Jesus von Nazareth berichten die Evangelien eigentlich nichts. Sie überliefern uns seine Gleichnisse, Reden und Lehrsätze. Sie erzählen von Taten, die eine Wirkung bei anderen erzielt haben. Aber wie war Jesus sonst?
War mit ihm Small Talk möglich? Hat er mal einen Spruch gemacht?
Hat Jesus sich in gewissen Situationen Rat geholt? Brauchte er einfach mal eine Umarmung?
War er auch verliebt? Hatte er Sex?
Überhaupt: Konnte der Mann auch mal gehörig nerven? Weil er vielleicht immer dieselbe Geschichte erzählte, die man schon hundertmal gehört hatte.
Hatte er manchmal Mundgeruch? Oder Durchfall?
War er charmant?
Und was hat dieser Mensch wohl in der Nacht geträumt?
Hatte er Tagträume von einem anderen Leben – als normaler Familienvater und Zimmermann, wie sein Vater es war?
Die Fragen zeigen: Die christliche Lehre, dass Jesus ganz Gott und ganz Mensch war, also zwei Naturen in sich vereinte, ist eine Herausforderung, wenn man sie sich konkret vorzustellen versucht.
Wenn er ganz Mensch war, dann gehören all diese Aspekte doch eigentlich dazu.
Wird Jesus dadurch aber nicht profan? Und wie zeigte sich dann das Göttliche an ihm?
Schien es in den Worten und Gleichnissen auf? Und in der Art, wie er sich in gewissen Situationen verhielt?
Erlebte man es in den Heilungen und Wundern?
Besass Jesus ein ausserordentliches Charisma, das Menschen dazu brachte, ihm nachzufolgen und ihn als den Messias Gottes zu verehren?
Oder zeigte sich seine Göttlichkeit überhaupt erst nachträglich, durch die Auferstehung, die seinen Nachfolger:innen die Gewissheit gab: In diesem Menschen hat sich Gott offenbart? (mb)
Abb: James Tissot, Christus schläft während des Sturms, ca. 1886-94, Brooklyn Museum of Art, New York
