Wunder oder Sinn?
Die Diagnose ist niederschmetternd: Krebs. Laut dem Arzt ist nicht mit Heilung zu rechnen. „Ihre Situation ist leider hoffnungslos“, meint er.
Hoffnungslos? Stimmt das?
„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“
Der Schriftsteller, Menschenrechtsaktivist und spätere Staatspräsident der Tschechoslowakei und Tschechiens, Václav Havel, hat diesen Satz in einem Brief aus dem Gefängnis geschrieben. Er war wegen seines Einsatzes für Meinungs- und Redefreiheit unter dem kommunistischen Regime insgesamt fünf Jahre inhaftiert.

Man kann immer hoffen, dass etwas gut herauskommt, dass z.B. Heilung der Krebskrankheit gegen alle Prognosen geschieht. In der Regel jedoch ändern Gott oder irgendwelche magischen Kräfte die Gesetze der Natur nicht. Körper werden krank. Menschen sterben.
Aber was «hoffnungslos» scheint, kann dennoch voller Hoffnung sein, behauptet Havel. Dann nämlich, wenn die Hoffnung von innen kommt, anstatt als Wunder von aussen. Wenn ich Krankheit und Sterben nicht als sinnloses Leiden bekämpfe, sondern als Teil des Lebens akzeptiere, kann daraus etwas Sinnerfülltes werden. Dann kann ich diese Zeit bewusst gestalten, mich z.B. mit Menschen versöhnen oder mich verabschieden. Es kann eine intensive, hoffnungsvolle Zeit werden. Und ironischerweise kann mich gerade das Beschwören eines unrealistischen Wunders genau daran hindern.
Am Sonntag ist der reformierte Totensonntag. Den Lesenden, die um einen Menschen trauern, wünsche ich, dass es ihnen irgendwann gelingt, den Verlust anzunehmen und dass auch aus der Trauerzeit eine hoffnungsvolle Zeit werden kann.
Weil sie intensiv gelebtes Leben ist – sinnerfülltes Leben.
Abb: Václav Havel, 1993. Foto: Levan Ramishvili, flickr