Zeit zum Loslassen

Vom berühmten Komiker und Filmemacher Charlie Chaplin wird folgende Begebenheit berichtet: Er stand eines Abends auf der Bühne und erzähle dem Publikum einen Witz. Der ganze Saal brüllte vor Lachen. Zur Verwunderung aller fuhr er nicht mit seinem Programm fort, sondern trug denselben Spass noch einmal vor, und die Reaktionen beschränkten sich auf vereinzeltes Kichern. Unbeirrt gab der Komiker den Witz ein drittes Mal wieder. Jetzt herrschte bloss noch betretenes Schweigen. Chaplin schaute in die Runde und wandte sich an das Publikum mit den Worten: «Wenn man über denselben Witz nicht mehrmals lacht, warum weint man dann immer und immer wieder über denselben Schmerz?» Für einen Moment herrschte nachdenkliche Stille, dann füllte sich der Saal mit anerkennendem Applaus.

Charlie Chaplin
Charlie Chaplin posiert 1936 für seinen Film «Moderne Zeiten»; Bildquelle: Wikimedia Commons.

Man könnte dem Komiker entgegenhalten: Der Witz lebt von der Pointe. Ist diese einmal bekannt, dann verliert der Witz die überraschende Wendung und seinen Reiz. Seelischen Schmerz – etwa über einen Verlust oder eine Schuld –werden wir nicht so einfach los und die Gefühle holen uns immer wieder ein.

Chaplin will das Trauern und Weinen gewiss nicht ganz aus dem Leben verbannen. Doch weist er auf etwas Bedenkenswertes hin: Es kann passieren, dass wir an Schmerz und Gram festhalten, fast so wie ein Ertrinkender an einem Treibholz. Trauerphasen sind wichtig und sollen sein. Irgendwann ist die Zeit reif zum Loslassen und wir dürfen uns zuversichtlich wieder dem Leben zuwenden. Was uns widerfährt, das haben wir nicht in der Hand; was wir daraus machen und wie wir weitergehen schon. Mit Gelassenheit, Vertrauen und Humor kommen wir besser durchs Leben. «Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern? Wenn ihr nicht einmal etwas so Geringes könnt, warum macht ihr euch dann Sorgen um das Übrige?» (Lk 12,25f)