Zeitvergessen

Foto: Veronika Ebnöther

Ich lief dem Lungerersee im Kanton Obwalden entlang. Vor mir lagen 50 Minuten Weg von Obsee bis zur kleinen Kapelle in Bürglen, wo an diesem Abend ein Gottesdienst gefeiert wurde. Doch der Ausblick auf den See hielt mich immer wieder auf.

Das spätnachmittägliche Licht fiel auf das Wasser und liess es smaragdgrün leuchten. Mit fast jedem Schritt zeigte sich ein anderer Farbton: mal im Schatten der Uferbäume oder der Berge, mal unter einem Boot, mal im vollen Sonnenlicht. Hier hell und milchig, da tief und dunkel. Ich blieb immer wieder stehen und schaute, nahm die Farben in mich auf. Für einen Moment lang gab’s nur das. Nur dieses Wasser, dieses Licht und das Staunen.

Dabei fühlte ich mich wie früher auf dem Schulweg. Auch damals konnte ein Stein, Hunde in einem Garten, Katzen auf Mauern oder Blätter eine ganze Welt eröffnen. Die Zeit verging, weil etwas Kleines gross wurde. Kinder können sich doch so herrlich vertiefen, ihre Fantasie spielen lassen und müssen sich am Ende manchmal beeilen, um nicht zu spät zu[VE1] r Schule zu kommen.

Da läutete die Glocke der Kapelle. Ihr Klang strich der Bergflanke entlang bis zu mir. Er riss mich nicht aus dem Staunen heraus. Er nahm mich mit. Alles, was ich gesehen hatte – die Farben, das Licht, das Wasser – und die Freude durften mit in die Kirche genommen werden.

Die Glocke rief mich zur Eucharistiefeier. Sie rief mich ins Geheimnis von Jesu Hingabe, in sein Kreuzesopfer, das in der Heiligen Messe gegenwärtig wird. Der Weg am See und der Weg zum Altar gehörten plötzlich zusammen. Das kindliche Staunen und das gläubige Feiern entspringen derselben Sehnsucht: ganz da zu sein, sich berühren zu lassen und das Leben als Geschenk zu empfangen. (ve)