Zwei Quellen
Der Jahreswechsel bietet eine gute Gelegenheit für die Rückschau und den Ausblick. Was hat im vergangenen Jahr meinen Weg beeinflusst, was ist mir wichtig geworden und welche Erfahrungen und Lehren habe ich gesammelt? Was wird das kommende Jahr bringen, was möchte ich angehen, in welche Richtung zieht es mich?
Für Wendepunkte, für Abschluss und Neubeginn war im antiken Rom die Gottheit Janus zuständig. Charakteristisch für seine Darstellung sind die beiden Gesichter, von denen eines nach vorne schaut und eines zurückblickt. Wo immer es um Anfänge oder Vorhaben ging, wurde Janus ins Spiel gebracht. Unser erster Monat im Jahr hat von dieser Gottheit seinen Namen.
Der doppelgesichtige Januskopf symbolisiert eine weise Einstellung. Es ist nicht ratsam, sich nur auf eines zu fokussieren. Wer stets nur zurückblickt, sei es in nostalgisch verklärender Weise oder gramvoll bedauernd über nicht Gelebtes, wird viele Gelegenheiten verpassen. Wer aus Gier nach Neuem oder aus Furcht vor Schwierigkeiten den Blick ausschliesslich vorwärtsgerichtet hält, missachtet wertvolle Erfahrungen und Lehren, die das Leben schenkte. Beide Blickrichtungen zusammen machen das Leben reicher und tiefer.
Jesus formuliert eine entsprechende Weisheit, nachdem er das Himmelreich mit einer Aussaat, einem Senfkorn, einem Sauerteig, einem Schatz, einer Perle und einem Fischfang verglichen hat. Er sagt: «Jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.» (Mt 13,52) Mögen wir im neuen Jahr aus beiden Quellen schöpfen, dem Schatz der Erfahrungen und Traditionen und aus der verändernden Kraft der Visionen und Inspirationen.
