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Menschenwürde
Am 10. Dezember 1948 verabschiedete die UN-Generalversammlung die «Allgemeine Erklärung der Menschenrechte». «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren», so beginnt der erste Artikel und macht damit klar: jedem Menschen kommt seine Würde qua Menschsein zu und ist ein angeborener, unverlierbarer Wert; unabhängig von Alter, Religion, Herkunft, Staatsangehörigkeit, Geschlecht, Vermögen, … Aus biblischer Perspektive ist dieser Gedanke einleuchtend, denn die Würde des Menschen ist ein zentrales Element des Verständnisses von Gott und Welt im Christentum. Sie fusst in der Überzeugung, dass der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen ist: «Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn.» (Gen 1,27) Doch auch wenn…
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Ein besonderer Adventskalender
Als ich noch Seelsorgerin in einer Pfarrei war, konnte ich vor ein paar Jahren gemeinsam mit lieben Helferinnen und Helfern einen ganz besonderen Adventskalender realisieren. Vom 1. bis 24. Dezember wurden Menschen überrascht, die in materielle oder auch in seelische Not geraten waren. Hinter jedem Türchen wartete eine Überraschung: ein finanzieller Beitrag zum Skilager der Tochter, ein Einkaufsgutschein für den Kleiderladen, ein Zugticket zur Verwandtschaft, die weit entfernt wohnt, eine Einladung ins Café nebenan. Jeden Tag konnte ich an einer anderen Haustüre läuten und das Geschenk überreichen. Diejenigen, an die gedacht wurde, waren überrascht und gerührt. Manchen fiel es sogar schwer, die unverhoffte Aufmerksamkeit anzunehmen. Für mich jedenfalls war es…
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Die Schneeflocke und der Frieden
Vor einigen Tagen erlebten wir ein ausgewachsenes Schneechaos. Nahezu die ganze Schweiz war betoffen. In vielen Orten ging nichts mehr. Wenn man eine einzelne Schneeflocke betrachtet, die einzigartig, wunderschön und federleicht ist, kann man es sich eigentlich kaum vorstellen, dass dieses kleine Kunstwerk der Grund dafür sein soll, dass das halbe Land lahmliegt. Die folgende Geschichte dreht sich genau um diesen Gedanken: dass etwas ganz Kleines den entscheidenden Unterschied machen kann. Und sie soll uns Mut machen, nicht zu unterschätzen, welches Gewicht die eigene Stimme hat. «Sag mir, wie viel wiegt eine Schneeflocke», fragte die Tannenmeise die Wildtaube. «Nicht mehr als nichts», gab sie zur Antwort. «Dann muss ich dir…
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Ambiguitätstoleranz
«Ich glaube, ich trauere nicht richtig», sagte kürzlich eine Frau zu mir. «Ich habe meinen Grossvater so gern gehabt, aber schon kurz nach seinem Tod meinen Frieden damit gemacht. Ich muss nicht mal mehr weinen.» Die Frau durchlebt gerade eine wahrhaft «ambige» Situation. Ambiguität meint (innere) Widersprüche, Mehrdeutigkeiten oder Unsicherheiten. Auf der einen Seite ist da das eigene Trauer-Erleben, auf der anderen die Vorstellung davon, wie «richtiges» Trauern gehen sollte. Es lässt die Frau verzweifeln, dass sie beides nicht übereinbringen kann. Was in solchen Momenten hilft ist Ambiguitätstoleranz, d.h. die Fähigkeit von uns Menschen, Widersprüche auszuhalten und anzuerkennen, dass wir in einer Welt leben, in der es nicht immer schwarz…
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Ich möchte an das ewige «Du» glauben dürfen
Für die Reihe von Gastbeiträgen unter dem Motto «Gott, wie ich ihn/sie sehe» hat unsere Freiwillige Mitarbeiterin Verena Bosshart folgenden Beitrag geschrieben: Meine Einleitung zu diesem Thema und Text ist voller Fragen: Gibt es überhaupt einen Gott? Wenn ja, ist es ein Ermahner, der schaut, wie ich mich verhalte auf dieser Erde? Kann Gott eingreifen in das Chaos dieser Welt? Warum lässt er dies alles zu? Und so könnte man die Liste weiter ergänzen! Diese Fragen sind allgegenwärtig in Gesprächen und Diskussionen. Damit will ich mich nicht mehr oft und ewig auseinander setzen wie in früheren Jahren meines Lebens. Mir ist heute wichtig klar zu werden auf meinem persönlichen Weg…