• Ich werde sterben

    Vor Jahren habe ich die Videoarbeit des chinesischen Künstlers Yang Zhenzhong mit diesem Titel gesehen. Zhenzhong hat Menschen in verschiedenen Teilen der Welt und unterschiedlichen Alters gebeten, diesen einzigen Satz in ihrer Sprache in die Kamera zu sprechen: „Ich werde sterben.“ So steht man als Betrachter vor einer Monitorwand, sieht Gesichter und hört die Aussage wieder und wieder: „Ich werde sterben.“ Da gibt es Menschen, die sichtlich bewegt sind, ältere, die es in grosser Abgeklärtheit sagen, andere, die danach sehr nachdenklich in die Kamera blicken. Und Kinder, die kichern müssen. Man wird von dem Werk deshalb so berührt, weil einen/eine das Gezeigte unmittelbar betrifft. „Auch ich könnte das sagen.“ Und…

  • Narrenzeugs

    Heute um 11.11 Uhr beginnt die Fasnachtssaison, die Zeit der Narren. Grund genug, sich mit uns Obernärr:innen zu beschäftigen, uns Christ:innen. Im ersten Brief an die Korinther schreibt der Apostel Paulus: „[Wir] verkündigen Christus den Gekreuzigten – für die Juden ein Ärgernis, für die Heiden eine Torheit, für die aber, die berufen sind, Juden wie Griechen, Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ Dass die Christ:innen dem grausamen Foltertod ihres Messias einen Sinn abgewinnen können und ihn gar als Heilsereignis feiern, sorgt bis heute für Unverständnis. Eine Torheit, eine Narretei! Und tatsächlich zeigt die Geschichte der Deutungen dieses Todes, dass die Sinnfindung alles andere als selbstverständlich war und man eigentlich…

  • Es schwindelt der Welt

    Im Innern des Hauses meines Herzens steht die Säule dieser säulenlosen Welt, der es schwindelt von euren Gedanken – sonst wäre ruhend diese ruhelose Welt. Dieser Text stammt von dem persischen Sufi-Mystiker Rumi. Er spricht mich an, weil hier die Innenwelt des Menschen mit der Aussenwelt in überraschender Weise verschränkt ist. Die Säule der Welt ist im Innersten des Menschen zu finden, im „Innern des Hauses meines Herzens“. In meiner Mitte, könnte man wohl auch sagen. Und es ist in diesem Text nicht so, dass es uns Menschen schwindelt, weil die Welt so chaotisch ist, sondern gerade umgekehrt: Ihr schwindelt es wegen uns, sie ist ruhelos wegen unserer Gedanken, sie…

  • Reformiert!

    Am Sonntag wird in der reformierten Kirche der Reformationssonntag gefeiert. Da ich dieser Konfession angehöre, erlaube ich mir, dazu ein Weg-Wort zu schreiben. Der ehemalige Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung, Hanno Helbling, soll über den reformierten Gottesdienst einmal gesagt haben, dieser sei so etwas wie eine Erwachsenenbildungsveranstaltung, aber mit dem Nachteil, dass man auch noch singen müsse. Natürlich zielt Helbling auf die Wortlastigkeit in diesen Gottesdiensten mit ihren relativ langen Predigten ab, und auf die nüchterne Liturgie, die wenig Sinnlichkeit bietet, dafür aber einiges an Gesang. Zudem klingt in dem Bonmot auch eine Kritik an der Rationalität der Predigt an, in der ja Themen des Glaubens nicht selten argumentativ und…

  • Halbe Sachen

    Ein Pfarrkollege hat mir vor Jahren von einer Konfirmandin erzählt, die ihm die Augen geöffnet habe. Er hatte sich über die Jugendliche x-mal geärgert. Regelmässig sei sie zu spät in den Unterricht gekommen, der doch eigentlich günstig anschliessend an die Mittagspause gelegt worden sei. Immer wieder habe sie ihre Sachen nicht dabeigehabt: Das Schreibzeug, das Arbeitspapier oder sonst was. Erst beim Konfirmandinnenbesuch bei ihr zuhause habe er verstanden. Er habe einen unglaublich chaotischen Haushalt angetroffen, in dem eine von ihrem Mann getrennte, alkoholkranke Mutter mit drei Kindern gelebt habe. Und während die Mutter ziemlich teilnahmslos am Tisch gesessen sei, habe seine Konfirmandin – das älteste der Kinder – für Kaffee…