• Schau, du bist blind.

    Der 2005 verstorbene Schweizer Maler Rémy Zaugg hat ein Bild geschaffen, auf dem nichts anderes zu sehen ist als diese Worte, in hellgrauen Buchstaben auf noch hellerem Grau als Hintergrund – so, dass die Schrift fast nicht mehr zu erkennen ist. Ein Bild also, das zu mir spricht. Dabei sind Bilder doch zum Ansehen da! Und dann sagt es mir ausgerechnet, dass ich blind bin? Da ich dies aber lese, kann die Aussage nicht stimmen. Und warum sagt es «schau», wenn es doch behauptet, ich sei blind? Absurd. Aber gerade darum geht es dem Künstler: dass ich nicht nur schnell einen Blick auf ein Bild werfe, sondern mich damit auseinandersetze,…

  • Die Angst unter dem Polizeihelm

    Joschka Fischer war 1998 bis 2005 als erster grüner Politiker Aussenminister der Bundesrepublik Deutschland.  Als junger Mann sah sein Leben allerdings noch ganz anders aus. Fischer war Aktivist während der 68er-Unruhen. Er kämpfte gegen die erstarrten Strukturen des jungen Nachkriegsstaates, in dem die wichtigen Ämter noch von der Generation jener besetzt wurden, die den Nationalsozialismus erlebt und manchmal auch unterstützt hatten. Nicht selten wurden diese Auseinandersetzungen gewaltsam auf der Strasse ausgetragen. In einer Filmdoku erinnert sich der mittlerweile über Sechzigjährige an diese Zeit und macht eine bemerkenswerte Aussage über einen Wendepunkt in seinem Denken. Er spricht über eine Demonstration, in der es zum Kampf mit der Polizei kam: «Das war…

  • Aber Zeichen!

    Der österreichische Autor Arno Geiger hat 2011 den Roman «Der alte König in seinem Exil» veröffentlicht. Darin schildert er zahlreiche Begegnungen und Erfahrungen mit seinem an Demenz erkrankten Vater. Hier zitiere ich eine wunderbare Passage aus dem Buch: «Und einmal, als ich ihn frage, wie es ihm gehe, antwortet er: ‘Es geschehen keine Wunder, aber Zeichen.’ Und dann ansatzlos Sätze, so unwahrscheinlich und schwebend, wie sie einem manchmal in Träumen kommen: ‘Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter.’» (Arno Geiger, Der alte König in seinem Exil, München, 2011, S. 11) Es ist schon faszinierend, über welch poetische und klare Wahrheit Menschen mit Demenz manchmal verfügen! Würde uns das Leben…

  • Vater unser Allahu akbar

    Es ist wie immer, wenn man auf ein Jahr zurückblickt: Natürlich hat es wieder Kriege gegeben und Hunger, Regierungswechsel, Beförderungen im Beruf, Streit und Versöhnung in der Familie. Und natürlich gibt es immer noch diese Pandemie. Ich will in diesem Weg-Wort aber etwas herauspicken, das mich 2021 besonders berührt hat. In der Bahnhofkirche schliessen wir den Tag jeweils mit dem Abendgebet ab. Oft sind genau in diesem Moment auch Muslime im Raum der Stille, die ihr Gebet verrichten. Ich erkläre ihnen dann, dass es jetzt ein laut gesprochenes christliches Gebet gebe und frage, wie wir mit der Situation umgehen wollen. Und immer erklären sie mir, dass das überhaupt kein Problem…

  • Rosterwählung

    Zur Weihnachtskrippe des Künstlers CIRO (Roberto Cipollone), die dieses Jahr in unserem Raum der Stille zu sehen ist, ein Text: Rosterwählung Ein lottriger Stall für Eltern und Kind. Das Tor quietscht, und sein Gitter zerfressen von Rost. Kommen Hirten mit leeren Gesichtern und stumm. Sogar die Sterne leuchten wie Rost heut, knurrt Josef vor sich hin. Und schau, auch das Kind leuchtet rosten, sagt sie. Ist das Geburtsblut oder Sternglanz auf seiner Haut? Nein, sagen plötzlich die Hirten, aber Gott hat in diesem den Rost sich erwählt. Kaum etwas aufrichtiger, schöner als Rost: Die Witterungsspuren des Lebens. Nur wer im Regen und Wind steht, kann rosten, sagt Gott uns im…