• Vielfalt als Gütesiegel

    In den letzten Wochen hat uns die Fussball Euro 2024 täglich begleitet, ob wir wollten oder nicht. Am Sonntag folgt nun der Höhepunkt mit dem Finale zwischen Spanien und England. Solch ein Turnier ist nationalistisch geprägt: Hymnen werden inbrünstig gesungen, Hände auf das Landeswappen gelegt. Die Spieler werden als Vertreter ihres Heimatlandes inszeniert. Dabei ist höchst interessant, sich damit auseinanderzusetzen, wer denn diese Vertreter der Nationen Europas sind. Da gibt es einen holländischen Spieler mit dem baskischen Vornamen Xavi und surinamischen Wurzeln. Oder den spanischen Spieler Lamine Yamal, dessen Eltern aus Marokko und Äquatorialguinea stammen. Und Schweizer Cracks heissen Xherdan Shaqiri oder Breel Embolo. Unmissverständlich wird klar: Nationen haben nicht…

  • Alle Tränen

    «Un homme blanc, un homme noir, un homme jaune: toutes les larmes sont salées» Menschen unterscheiden sich. Etwa in der Farbe ihrer Haut, ihrem Geschlecht oder darin, über wie viel Geld und Einfluss sie verfügen. In  wunderbarer Zuspitzung bringt der französische Autor Claude Aveline (1901 – 1992) in dem Aphorismus auf den Punkt, was uns dennoch verbindet: die Menschlichkeit, die sich zum Beispiel in gemeinsamer Leidensfähigkeit zeigt. Alle weinen wir, wenn wir Schmerz erleiden, um Verstorbene trauern, unsere Heimat verloren haben… „Ein weisser Mensch, ein schwarzer Mensch, ein gelber Mensch: Alle Tränen sind salzig.“ Der Satz ist mir in Paris zugefallen, wo Wahlkampf herrschte und eine nationalistische, klar ausländer:innenfeindliche Partei…

  • Feministische Polygamie

    Das Weg-Wort vom 20. Juni handelte von einem afrikanischen Theologen, der die Botschaft Jesu Christi als eine Kraft beschrieb, die uns immer ein Gegenüber ist, das unsere Lebensweisen und Glaubenstraditionen infrage stellt. Heute ein Beispiel, das an diesen Gedankengang anschliesst. Eine kenianische Theologin, die an derselben Universität lehrte, vertrat die Ansicht, die in vielen afrikanischen Traditionen übliche Polygamie (das Führen mehrerer Ehen nebeneinander) widerspreche nicht der biblischen Lehre und sei mit dem christlichen Glauben vereinbar, obwohl die Missionare dies verboten hätten. Schliesslich komme die Polygamie ja auch in der Bibel vor. Die Theologin war feministisch geprägt und argumentierte, westliche Menschen würden die Polygamie falsch verstehen. Natürlich sei es ein patriarchales…

  • Das Fremdwort

    Ein afrikanischer Theologe, dessen Vorlesungen ich besuchen konnte, vertrat die Ansicht, das Evangelium, das durch die Mission in seine Herkunftskultur eingedrungen war, habe neben aller Zerstörung und Geringschätzung des Afrikanischen einen unschätzbaren Wert gehabt: Es habe vieles, was in der ursprünglichen Religion lebensfeindlich gewesen sei, verändert: z.B. die Abhängigkeit von magischen Vorstellungen oder die verbreitete Angst vor dem Wirken böser Geister. Hier habe die Botschaft Jesu Befreiung gebracht. Es bleibe nun die Aufgabe, das Christentum in Afrika zu etwas wirklich Eigenem zu machen. Dies allerdings so, dass es trotzdem seine Kraft behalte, die eigene Lebensweise immer wieder infrage zu stellen. Das sei jedoch eine Dynamik, welche jederzeit und überall gelte:…

  • Die eine Stufe

    Der vor 100 Jahren verstorbene Schriftsteller Franz Kafka hat in seinem „Brief an den Vater“ ein prägnantes Bild geschaffen, um die Persönlichkeit des Sohnes mit der des Vaters zu vergleichen: „Es ist so wie wenn einer fünf niedrige Treppenstufen hinaufzusteigen hat und ein zweiter nur eine Treppenstufe, die aber so hoch ist, wie jene fünf zusammen; der Erste wird nicht nur die fünf bewältigen, sondern noch hunderte und tausende weitere, er wird ein grosses und sehr anstrengendes Leben geführt haben, aber keine der Stufen, die er erstiegen hat, wird für ihn eine solche Bedeutung gehabt haben, wie für den Zweiten jene eine, erste, hohe, für alle seine Kräfte unmöglich zu…