• Was ist gerecht?

    Am Südtor des Baptisteriums in Florenz ist auf einer der 28 bronzenen und teilweise vergoldeten Tafeln die Tugend der Gerechtigkeit zu sehen – als eine thronende Frauengestalt, die in der rechten Hand ein Schwert hochreckt und in der linken eine Waage sachte hält. Diese Justitia schaut den Betrachtenden direkt ins Gesicht, ein Unterschied zu anderen Darstellungen, wo man sie oft mit verbundenen Augen sieht. Die Waage gehört ganz fest zur Gerechtigkeit und verdeutlicht, dass es ums Abwägen, Vergleichen und Ausbalancieren geht. Güter, Möglichkeiten und Mitbestimmung sollen angemessen verteilt sein. Dazu sind möglichst viele Umstände zu berücksichtigen, und das braucht Fingerspitzengefühl, Weitblick und Hinhören. Das Schwert in der rechten Hand macht…

  • Aschenkreuz to go

    Es ist ein harter Kontrast: Heute spielen mancherorts nochmal die Guggenmusiken auf, die Leute zeigen sich ein letztes Mal in ihren Masken und Gewändern, tanzen herum, machen Fasnachtsspässe. Morgen ist das alles vorbei, die Instrumente und Kostüme werden wieder verstaut, die Konfetti von den Strassen und Plätzen aufgewischt; es wird Katerstimmung herrschen. Die Fastenzeit beginnt und den Menschen wird mit Asche ein Kreuz auf die Stirn gestreut begleitet von den Worten: «Gedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst.» An einigen Orten ist man dazu übergegangen, dieses Ritual nicht nur in Kirchen und Aschermittwochsgottesdiensten anzubieten, sondern auch auf Plätzen und in Fussgängerzonen, dort wo die Menschen ihren alltäglichen…

  • Ein Konfetti am Schuh

    Heute ist Rosenmontag und traditionsgemäss finden in den Hochburgen von Fasnacht und Karneval farbenfrohe und phantasievolle Umzüge statt. Von manchen werden sie wegen ihrer Lautstärke und dem Gedränge gemieden. Andere geniessen die Lebendigkeit, die Kreativität, den Humor und die augenzwinkernde Kritik an den herrschenden Verhältnissen, welche bei den Umzügen und an der Fasnacht generell zum Ausdruck kommen. In der Frühe bin ich heute zum Einsatz in die Bahnhofkirche gefahren, so wie auch am vergangenen Donnerstag. An diesem sogenannten Schmutzigen Donnerstag entdeckte ich, nachdem ich in Zürich angekommen war, ein einzelnes Konfetti an meinem Schuh. Nichts Bemerkenswertes eigentlich, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, als wollte dieses kleine bunte Papierstücklein mir…

  • Lohnender Verzicht

    Im Weg-Wort vom vergangenen Freitag schrieb ich über die «Welt-Tage ohne Handy & Smartphone». Der französische Schriftsteller Phil Marso hatte sie vorgeschlagen und auf das Datum vom 6. bis 8. Februar festgelegt. Die Aufforderung nahm ich mir zu Herzen, versuchte, das Mobiltelefon am Wochenende nicht zu verwenden, und machte meine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen mit diesem Vorsatz. Meine erste Feststellung war, wie schnell der Griff zum Handy passiert, wenn ich nicht gerade beschäftigt bin. Als der Drang beim Zugfahren auftauchte, konnte ich ihm widerstehen, nahm unmittelbar Langeweile wahr und begann, meine Umgebung genauer zu beobachteten. Dann fiel mir das dünne Buch in meinem Rucksack ein, das ich schon lange lesen…

  • Gewonnene Zeit

    Das Smartphone zu Hause vergessen? Der Akku leer und keine Gelegenheit zum Aufladen? Das Mobiltelefon irgendwo liegengelassen? Löst dies heftige Gefühle aus, verursacht es sogar Schweissausbrüche, Herzrasen, eine innere Unruhe oder eine akute Panik, dann leidet die Person wohl an Nomophobie. Noch vor kurzem kannte ich dieses Wort überhaupt nicht. Es wurde vom Englischen «No Mobile Phone Phobia» zusammengezogen und meint so viel wie «die Angst, ohne Mobiltelefon zu sein». Die kleinen Geräte vereinen inzwischen so viele Funktionen in sich: Neben Telefon sind sie auch Brieftasche, Fahrplan, Landkarte, Kamera, Radio, Fernseher und vieles andere mehr. Heutzutage kommen wir tatsächlich kaum mehr ohne eines aus. Die Kehrseite ist, dass wir in…