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Jö!
Abbildungen von niedlichen und flauschigen Jungtieren stehen in den sozialen Medien besonders hoch im Kurs. Verspielte Kätzchen, treuherzig in die Welt blickende Welpen, lebenslustig herumspringende Geisslein oder Lämmlein, staksige Fohlen und dergleichen finden sich in unzähligen Varianten auf Instagram, Tiktok und all den anderen Plattformen. Solche Bilder strahlen Unschuld und Schutzbedürftigkeit aus – und sie machen etwas mit uns. Mich bringen sie jeweils zum Schmunzeln, ein warmes Gefühl entwickelt sich in meiner Brust, das Herz öffnet sich und manchmal erweckt der Anblick so etwas wie einen Beschützerinstinkt. Im schweizerischen Sprachgebrauch hat sich für diese Reaktionen eine treffende Bezeichnung eingebürgert: der Jö-Effekt. Es sind angenehme und erwünschte Gefühle, die solche Tierfotos…
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Genug für alle
Folgende kleine Geschichte hat mich nachdenklich gemacht: «An einem kalten Wintertag, weit ab von jeder Zivilisation, blieb einmal ein Zug mitten auf freier Strecke stehen. Die Maschine war defekt und die Heizung ausgefallen. In den Abteilen begannen die Menschen zu frieren. Eingehüllt in ihre Mäntel sassen sie da, sorgenvoll, schweigsam und in sich versunken. Einige Kinder begannen zu klagen und zu weinen. Da öffnete eine ältere Frau ihre Tasche, holte belegte Brote heraus und reichte sie an die zitternden Mädchen und Buben weiter. Plötzlich kam Bewegung in das Abteil: Ein junger Mann nahm seine Thermoskanne hervor und schenkte Tee aus. Eine Mutter gab ihre Decke einer fremden Frau, die ohne…
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An Gottes Tisch
Wie ein Senfkorn, das zum Baum heranwächst und Vögeln Schutz bietet, oder wie ein Stückchen Sauerteig, das eine grosse Menge Teig aufgehen lässt, so beschreibt Jesus das Reich Gottes. Er betont, dass es mitten unter den Menschen beginnt und nicht einer religiösen Elite oder besonders frommen Menschen vorbehalten ist. In der Schriftstelle, die in der Liturgie von heute vorgelesen wird, sagt Jesus: «Und sie werden von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tisch sitzen. Und siehe, da sind Letzte, die werden Erste sein, und da sind Erste, die werden Letzte sein.» (Lukas 13,29f) Die einladende Offenheit Jesu hat sich leider nicht dauerhaft…
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Friedenswille
Vor genau 80 Jahren trat die Charta der Vereinten Nationen in Kraft, die zuvor von Vertretern von 51 Staaten unterzeichnet worden war. Die Welt hatte die verheerenden Folgen des gerade beendeten 2. Weltkriegs vor Augen, der Slogan «Nie wieder Krieg!» war in aller Munde und in diesem Geist wurde die Charta formuliert. Über die ideologischen Differenzen hinweg bekannten sich die Gründungsmitglieder dazu, Interessen zukünftig auf der Basis von gewaltfreiem Verhandeln zu verfolgen. Heute zählen die Vereinten Nationen 193 Mitgliedsstaaten und die UNO ist mit Generalversammlung, Sicherheitsrat, Wirtschafts- und Sozialrat, Treuhandrat, Sekretariat, Internationalem Gerichtshof und 17 Sonderorganisationen zu einem riesigen Komplex herangewachsen. Hier entstanden unzählige Initiativen für Menschenrechte und nachhaltige Entwicklung,…
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Unverzeihlich?
Erfolgloser Finanzspekulant, Zwangsarbeiter im Bergbau, Friedhofsverwalter, Bischof von Rom: All das soll gemäss den spärlichen Quellen Kallistus gewesen sein. Mitte des zweiten Jahrhunderts wurde er in einfachen Verhältnissen geboren, stand im Sklavendienst und hatte bei der Verwaltung des Vermögens seines Herren keine glückliche Hand, was ihm die Bestrafung in den Schwefelminen von Sardinien einbrachte. Dank einer einflussreichen Fürsprecherin kam er frei, wurde ein Diakon und mit der Verwaltung der christlichen Begräbnisstätten – den heute noch bekannten Calixtus-Katakomben – betraut. Das machte er offenbar so gut, dass er zum Bischof bestellt wurde und die Geschicke der christlichen Gemeinschaft in Rom für vier oder fünf Jahre leitete. Der Legende nach soll er…